Archives Januar 2019

Das Mindesthaltbarkeitsdatum – wie können Verbraucherinnen und Verbraucher sicher entscheiden?

Gastbeitrag von Frau Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

„Transparenz“ ist eines der Zauberwörter der digitalen Moderne. Und wie alle Zauberwörter wird es im täglichen Gebrauch nicht mehr hinterfragt. Doch genau das haben wir als Lebensmittelwirtschaft getan und wollen wir in unserer Beitragsreihe bis zum Dezember tun. Zum einen, indem wir eine Studie zum Thema Transparenz an der Universität Göttingen in Auftrag gegeben haben, die am 5. November auf unserem Symposion in Berlin vorgestellt wurde. Zum anderen, indem wir in dieser Beitragsreihe Aspekte unseres Lebens, vor allem in Verbindung mit Lebensmitteln, auf die Bedeutung von Transparenz durchleuchten. So wird beispielsweise ein Architekturbüro beschreiben, welchen Stellenwert heute Transparenz beim Planen und Bauen von Produktionsstätten hat, oder, dass wir in Deutschland mit dem Reinheitsgebot über das älteste Transparenzgesetz überhaupt verfügen.
Heute veröffentlichen den Gastbeitrag von Frau Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft:
Das Mindesthaltbarkeitsdatum – wie können Verbraucherinnen und Verbraucher sicher entscheiden?

Neulich war ich bei einer Freundin, die ihren sechsjährigen Enkel zu Besuch hatte. Dieser äußerte Appetit auf einen Fruchtjogurt. Die Oma griff in den Kühlschrank, entfernte den Deckel vom Becher, schaute hinein und gab ihn ihrem Enkel. „Aber Oma, du hast gar nicht auf das Datum geguckt, ob der noch gut ist.“ Diese Reaktion hat uns beide überrascht. Was ist da schief gelaufen in den letzten Jahren? Hat innerhalb von ein bis zwei Generationen das Vertrauen in das Mindesthaltbarkeitsdatum dazu geführt, dass wir unsere Sinne nicht mehr benutzen? Oder liegt es daran, dass wir keinen Mangel an guten und gesunden Lebensmitteln haben, dass wir täglich unter mehr als 170.000 Produkten im Lebensmittelhandel auswählen können? Wahrscheinlich beides. Je selbstverständlicher Lebensmittel verfügbar sind, desto weniger werden sie wertgeschätzt. Und je weniger sie wertgeschätzt werden, desto weniger befasst man sich damit, wie man mit ihnen umgeht. Dabei ist gerade das Mindesthaltbarkeitsdatum eine Errungenschaft des Verbraucherschutzes, die Orientierung schaffen soll.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum wurde 1978 als grundsätzlich verpflichtendes Kennzeichnungselement in der Europäischen Union eingeführt. Es dient der Information der Verbraucherinnen und Verbraucher, aber es ist kein Verfallsdatum, sondern eine Gütegarantie des Herstellers. Er garantiert, dass das Produkt, wenn es sachgerecht behandelt – zum Beispiel gelagert – wird, bis zu diesem Tag seine spezifischen Eigenschaften behält, etwa Farbe, Geruch, Konsistenz.

Derzeit wird verstärkt darüber diskutiert, ob das Mindesthaltbarkeitsdatum zur Verschwendung von Lebensmitteln führt und es daher angebracht sei, eine Reihe von Lebensmitteln von der Kennzeichnungspflicht zu befreien. Die Debatte wird auch in den zuständigen europäischen Gremien geführt. Deutschland unterstützt eine kritische Prüfung.

Die meisten Verbraucher (etwa 77 %) verstehen laut einer Studie der Fachhochschule Münster von 2012 die Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums. Nach meinem Eindruck gehen manche Verbraucher nur auf ihre eigene Art und Weise damit um: Eine 2012 im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) vom forsa-Institut durchgeführte repräsentative Befragung zeigte, dass fast jeder Zehnte im Monat vor der Befragung auch lang haltbare Produkte wie Nudeln und Getränke weggeworfen hat. Ich interpretiere das so, dass es Verbrauchern zwar bewusst ist, dass diese Lebensmittel noch zum Verzehr geeignet wären, sie es jedoch bevorzugen, frische Lebensmittel zu kaufen und die alten zu entsorgen. Das ist zum einen ein psychologischer Effekt: Es könnte ja doch schlecht sein. Zum anderen ein Ergebnis unseres Wohlstandes, weil alles immer und zu günstigen Preisen verfügbar ist. Anders gesagt: Viele Verbraucherinnen und Verbraucher können es sich offensichtlich leisten, Lebensmittel wegzuwerfen, auch wenn diese noch ohne Bedenken gegessen werden könnten. So landen Jahr für Jahr etwa 53 Kilogramm noch verzehrfähige Lebensmittel im Wert von 235 Euro pro Kopf und Jahr in der Tonne.

In der Debatte um das Mindesthaltbarkeitsdatum wird auch von einigen gefordert, es durch ein Herstellungsdatum zu ersetzen. Das wäre meiner Meinung nach ein Schritt zurück. Dann müssten die Verbraucher nämlich selbst ermitteln, wie lange verschiedene Produkte noch haltbar sind. Ohne den Anhaltspunkt des Mindesthaltbarkeitsdatums könnte dies dazu führen, dass viele Produkte noch eher entsorgt werden, als dies bei Angabe des Mindesthaltbarkeitsdatums der Fall ist.

Statt Gelerntes über den Haufen zu werfen, sollten wir eher weiterhin Aufklärungsarbeit über den richtigen Umgang mit Lebensmitteln leisten und damit auch über den Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum. Es geht letztlich darum, den Wert der Lebensmittel als Produkt einer langen, die Umwelt beeinflussenden Herstellungskette zu betonen und das Vertrauen in die eigenen Sinne im Umgang mit unserem Essen zu stärken. Wir wollen dies gemeinsam mit dem Handel im Rahmen der BMEL-Initiative Zu gut für die Tonne auch in Zukunft leisten.

Auch die Diskussion um die Abschaffung des Mindesthaltbarkeitsdatums für faktisch nicht verderbende Produkte auf EU-Ebene begrüßen wir, aber das alles kann nur ein Beitrag sein, um Lebensmittelabfälle zu reduzieren. Denn den größten Teil der vermeidbaren Lebensmittelabfälle machen Produkte aus, die überhaupt kein Mindesthaltbarkeitsdatum tragen, wie Obst, Gemüse, Backwaren und Essensreste vom Teller.

Wir brauchen wieder mehr Wertschätzung für unsere Lebensmittel, denn was man wertschätzt, wirft man nicht vorschnell weg. Die Wertschätzung für unsere Lebensmittel zu steigern, gehört seit Jahren zu den Kernaufgaben des Bundesernährungsministeriums. Mit der Initiative Zu gut für die Tonne ist es gelungen, durch Zuspitzung auf die Wegwerfproblematik, also die Nicht-Wertschätzung von Lebensmitteln, eine höhere Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen. Wir werden die Initiative in den nächsten drei Jahren fortsetzen und uns insbesondere bemühen, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen. Denn diese haben häufig keinen Bezug mehr zur Herstellung unserer Lebensmittel, sie wissen häufig nicht, wie viel Arbeit und wie viele Ressourcen nötig sind zu deren Herstellung. Daneben sind alle gefragt, ihren Beitrag zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung zu leisten: Die Landwirtschaft, die Industrie, das Handwerk, die Gastronomie, der Handel und natürlich jeder selbst.


Transparenz und Verbraucherverhalten

Gastbeitrag von Herrn Prof. Dr. Achim spiller, Georg-August-Universität Göttingen

„Transparenz“ ist eines der Zauberwörter der digitalen Moderne. Und wie alle Zauberwörter wird es im täglichen Gebrauch nicht mehr hinterfragt. Doch genau das haben wir als Lebensmittelwirtschaft getan und wollen wir in unserer Beitragsreihe bis zum Dezember tun. Zum einen, indem wir eine Studie zum Thema Transparenz an der Universität Göttingen in Auftrag gegeben haben, die am 5. November auf unserem Symposion in Berlin vorgestellt wurde. Zum anderen, indem wir in dieser Beitragsreihe Aspekte unseres Lebens, vor allem in Verbindung mit Lebensmitteln, auf die Bedeutung von Transparenz durchleuchten. So wird beispielsweise ein Architekturbüro beschreiben, welchen Stellenwert heute Transparenz beim Planen und Bauen von Produktionsstätten hat, oder, dass wir in Deutschland mit dem Reinheitsgebot über das älteste Transparenzgesetz überhaupt verfügen.
Wir starten heute unsere Reihe mit einem Gastbeitrag von Herrn Prof. Dr. Achim spiller, Georg-August-Universität Göttingen:

Transparenz und Verbraucherverhalten

Spätestens seit der BSE-Krise vor 15 Jahren ist Transparenz ein großes Thema in der Lebensmittelwirtschaft. Viel wurde z. B. in Rückverfolgbarkeit investiert. Um so erstaunlicher ist es, dass bisher wenig über das Transparenzverständnis und die Anforderungen der KonsumentInnen bekannt ist. Im Rahmen von drei intensiven Gruppendiskussionen und einer bevölkerungsrepräsentativen Online-Befragung mit 1.009 Probanden konnten wir jetzt im Auftrag der Die Lebensmittelwirtschaft e. V. das Transparenzverständnis der deutschen Bevölkerung erstmals umfassend erheben. Die Ergebnisse zeigen, dass Konsumenten ein klares Bedürfnis nach Transparenz (insb. Informationen über Herkunft, Inhaltsstoffe, Zutaten) bei Lebensmitteln haben. Besonders groß ist der Informationswunsch bei tierischen Lebensmitteln und hinsichtlich der Landwirtschaft. Zugleich sind Verbraucherinnen deutlich verunsichert, wobei Kenntnisse und Vorwürfe häufig fragmentarisch bleiben und ein Potpourri verschiedener Medienberichte darstellen.

Trotz der Forderung nach Transparenz und der selbst wahrgenommenen Unsicherheit sind die Informationsanstrengungen der Konsumenten unterschiedlich und häufig gering, weil Zeitmangel und Komplexität zielgerichtete Informationssuche wenig alltagstauglich erscheinen lassen. Es dominiert passiver Medienkonsum. Internet, QR-Codes u. ä. aktive Medien werden kaum genutzt. Wir bezeichnen als Transparenzparadoxon diese Situation, dass der direkte (Entscheidungs-)Nutzen der Information bei Lebensmitteln als eher gering eingeschätzt wird, Transparenz aber als wichtiges Vertrauenssignal dient (indirekter Nutzen). „Wissen können wollen, aber Informationen nicht unbedingt nutzen müssen.“ Eigentlich würde man lieber vertrauen. VerbraucherInnen sind hier ziemlich abgeklärt und sich ihrer Widersprüche zumeist bewusst. Dies macht es der Anbieterseite nicht ganz leicht. Außerdem unterscheiden sich die Konsumenten auch noch deutlich in ihrem Verhalten: von gänzlich desinteressiert über zufrieden-gleichgültig bis zu verwirrt bzw. skeptisch-interessiert.

Was kann die Lebensmittelwirtschaft vor diesem Hintergrund tun? Nach Niklas Luhmanns klassischer Vertrauensdefinition ist Vertrauen eine „riskante Vorleistung“. Vertrauensaufbau benötigt daher Transparenzbemühungen auch für diejenigen KonsumentInnen, die diese Informationen nie in Anspruch nehmen und dafür auch nichts bezahlen werden. Das ist natürlich nicht einfach.

Positiv ist aber, dass die informationshungrigsten Verbraucher auch die qualitätsorientiertesten sind. Bei diesen anspruchsvollen Kunden, die den Markt antreiben, gibt es aber ein Problem: Das geringe Ausgangsvertrauen. Wie kann die Lebensmittelwirtschaft aus einer Position des niedrigen Basisvertrauens heraus erfolgreich kommunizieren. Wichtige Anregungen liefern dazu die neue experimentelle Ökonomik und die Psychologie. Die Lebensmittelwirtschaft sollte:

  • den ersten Schritt in Debatten machen,
  • Offenheit, Respekt und Bereitschaft zum Dialog signalisieren,
  • Empathie für Gegenpositionen zeigen,
  • Vertrauen erwerben statt bewerben,
  • trusted third parties einbinden, gerade bei besonders kritischen Themen wie Fleisch und
  • die eigenen Mitarbeiter zuerst überzeugen, sie sind das Spiegelbild der Branche.

Vertrauen beruht auf Berechenbarkeit, braucht Zeit, muss reifen, benötigt Kontinuität und entsteht viel leichter durch glaubwürdige Menschen.