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Symposium 2014

Dr. Maria Flachsbarth MdB Parlamentarische Staatssekretärin im BMEL © Die Lebensmittelwirtschaft e.V. Fotograf:Oliver Elsner
Dr. Maria Flachsbarth MdB Parlamentarische Staatssekretärin im BMEL © Die Lebensmittelwirtschaft e.V. Fotograf: Oliver Elsner

Das 2. Symposium der LEBENSMITTELWIRTSCHAFT e.V. befasste sich in diesem Jahr mit zahlreichen Aspekten rund um das Thema Transparenz. Unter dem Veranstaltungstitel „VIELFALT TRANSPARENT GESTALTEN?“ hatte die LEBENSMITTELWIRTSCHAFT in den Meistersaal in Berlin geladen und über 200 Besucher aus Presse, Politik, Wirtschaft sowie Verbänden waren der Einladung gefolgt. Während im Saal Referenten spannende Impulse und Einblicke in die Thematik gaben und anschließend in einer offenen Runde diskutierten, waren die Gäste zeitgleich aufgefordert, sich auf Twitter unter #LMWVielfalt direkt zu beteiligen, Fragen zu stellen und die Ausführungen zu kommentieren. Moderiert wurde das Symposium von Henrike Roßbach, Parlamentskorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

„Das Highlight des Jahres, quasi ein kleiner Tag der Lebensmittel.“ (Markus Mosa)

Eröffnet wurde das diesjährige Symposium durch Markus Mosa, Vorsitzender des Geschäftsführenden Vorstands DIE LEBENSMITELWIRTSCHAFT e.V. In seiner Rede begrüßte Herr Mosa den diesjährigen Schwerpunkt der Veranstaltung und verwies auf die allgegenwärtige Forderung nach mehr Transparenz in der Gesellschaft. „Dieses Symposium leistet einen wesentlichen Beitrag zum Thema Transparenz und bildet unser Highlight des Jahres, quasi ein kleiner Tag der Lebensmittel“. Dabei unterstrich er die Forderung nach einer offenen Debatte aller Beteiligten, um zu verstehen, was mit Transparenz eigentlich gemeint sei und wie Transparenz von Lebensmitteln umgesetzt werden solle. In Ankündigung an die von Prof. Dr. Achim Spiller erstellte Studie zum Transparenzverständnis der Verbraucher erklärte der Vorstandsvorsitzende, dass ein Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher ein Einmischen der Politik in das Essverhalten der Bevölkerung ablehne. „Statt für Bevormundung des Verbrauchers in seinem Ernährungsalltag, stehen wir für Aufklärung und Information“, schloss Mosa.

„Verbraucher wollen klare, verlässliche und verständliche Antworten auf ihre Fragen.“ (Dr. Maria Flachsbarth)

Dr. Maria Flachsbarth, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, begrüßte in ihrem anschließenden Grußwort die angestoßene Debatte zu den Transparenzerwartungen in der Gesellschaft. „Verbraucher wollen klare, verlässliche und verständliche Antworten auf ihre Fragen“, erklärte Dr. Flachsbarth. Transparenz dürfe nicht als notwendiges Übel verstanden werden, sondern schaffe Vertrauen. Damit Vertrauen überhaupt entstehen könne, müssten sich Verbraucher sicher sein können, dass bei Lebensmitteln eine lückenlose und sichere Prozesskette vom Acker bis zum Teller gewährleistet sei und, dass es darüber hinaus nachvollziehbare und seriöse Informationen gebe. Aufklärung und Bildung der Verbraucher seien dafür aber ebenso notwendig. Erst damit würde Verbrauchern eine selbstbestimmte Teilhabe am Markt ermöglicht.

Welchen Beitrag kann die Politik leisten? Als Beispiele, wie die Politik zu einer Transparenzsteigerung beitragen könne, nannte Dr. Flachsbarth die aktuelle Umsetzung der Lebensmittel-Informationsverordnung sowie die Initiative „Klarheit und Wahrheit“, welche einen breiten Dialog zwischen Wirtschaft und Verbrauchern fördern würden. Gerade weil der Dialog bei all diesen Initiativen im Mittelpunkt stehe, sei die Durchführung des Symposiums besonders zu begrüßen, schloss Frau Dr. Flachsbarth.

„Verbraucher wollen viel wissen können, aber dieses Wissen nicht nutzen – Eigentlich würde man lieber vertrauen.“ (Prof. Dr. Achim Spiller) „Verbraucherverständnis von Transparenz“ – unter diesem Titel präsentierte Prof. Dr. Achim Spiller (Georg-August-Universität Göttingen, Lehrstuhl Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte) die Ergebnisse der im Auftrag von „DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT e. V.“ erstellten Studie (Die Präsentation sowie das Whitepaper zur Studie finden Sie hier zum Download). Eine derartige Untersuchung, die Verständnis, Erwartungen und Informationsbedürfnisse der Verbraucher in Bezug auf Transparenz bei Lebensmitteln analysiert, sei bisher einzigartig, betonte der Professor der Universität Göttingen. Sie liefere daher neue Erkenntnisse für die aktuelle gesellschaftspolitische Debatte zum Thema Transparenz. „Für wen ist Transparenz wichtig? Wer fühlt sich überlastet?“ Mit diesen zwei grundlegenden Fragen nach Transparenzpräferenzen und Informationsüberlastung erläuterte Prof. Dr. Spiller in Bezugnahme auf die repräsentative Grundlagenstudie die Typologisierung der Verbraucher in Hinsicht auf ihre Transparenzbedürfnisse. Durch die Einteilung in unterschiedliche Verbrauchergruppen stellte Prof. Dr. Spiller dar, wie Transparenzbedürfnisse variieren. Das Ergebnis zeigte dabei deutlich: Ein einheitliches Verständnis von und eine einheitliche Forderung nach Transparenz gibt es nicht. Eine zentrale Erkenntnis der Studie sei Prof. Dr. Spiller zufolge die paradoxe Einstellung der Verbraucher. Obwohl der Verbraucher Transparenz fordere, würden bereits vorhandene oder zusätzlich eingeforderte Informationen selten genutzt. „Verbraucher wollen viel wissen können, aber dieses Wissen nicht nutzen“, so Spiller. „Eigentlich würde man lieber vertrauen.“ Neben dem Transparenz-Paradoxon betonte der Referent die hohen Informationsbedürfnisse in Bezug auf landwirtschaftliche Produkte und tierische Lebensmittel. Außerdem sei beim Erstkauf eines Lebensmittels die Informations- und somit die Transparenznachfrage am größten. Aber darf Transparenz überhaupt Geld kosten? Als weiteres wichtiges Studienergebnis sieht Prof. Dr. Spiller die geringe Zahlungsbereitschaft des Verbrauchers, wenn es um mehr Transparenz geht: „Dem Verbraucher ist nicht bewusst, dass Transparenzinfos etwas kosten.“ Es stelle sich demnach die Frage: Wie kann Transparenz bei Lebensmitteln umgesetzt werden, wenn es nicht viel kosten darf?

„Die Informationsbedürfnisse sind heterogen.“ (Dr. Birgit Rehlender)

Wie die Verbraucherorganisation Stiftung Warentest der Forderung nach mehr Transparenz gerecht wird, schilderte Frau Dr. Birgit Rehlender, Projektleiterin Ernährung, Kosmetik und Gesundheit, in ihrem Beitrag „Lebensmitteluntersuchungen der Stiftung Warentest – Transparenz in alle Richtungen.“ Besonders durch die neutrale, sachkundige und objektive Durchführung der Tests, die Bewertung der Ergebnisse und die Präsentation im Test-Magazin gewinne der Verbraucher großes Vertrauen in die Arbeit der Stiftung. Dr. Rehlender beschrieb diese transparente Darstellung als Notwendigkeit, damit die Leser den Testreihen der Verbraucherorganisation überhaupt folgen. Auch Dr. Rehlender verwies auf ihre Erfahrung mit den unterschiedlichen Transparenzbedürfnissen der Leserschaft. „Die Informationsbedürfnisse sind heterogen“, so Dr. Rehlender. In Anlehnung an die Studie hob die Referentin die von Prof. Dr. Spiller typologisierte Gruppe der anspruchsvoll-detailorientierten Verbraucher hervor, welche aufgrund ihrer ausgeprägten Qualitätsorientierung und Informationssuche die wichtigste Verbrauchergruppe für die Stiftung Warentest sei. Auf die Frage, warum Verbraucher unabhängigen Verbraucherorganisationen wie der Stiftung Warentest so viel Aufmerksamkeit schenken würden, antwortete Dr. Rehlender: „Verbraucher wollen Informationen aufbereitet haben. Es gibt nichts besseres, als Informationen durch schmökern und lesen zu vermitteln und den Leser zu unterhalten.“

„Die Lebensmittelwirtschaft wird durch die Digitalisierung vor große Herausforderungen gestellt.“ (Christoph Keese) Einen Blick in die Zukunft wagte Christoph Keese, Executive Vice President von Axel Springer SE. Die Digitalisierung werde in naher Zukunft unseren Alltag massiv verändern, erklärte Keese. Ein halbes Jahr lebte er in Palo Alto, jenem Ort im berühmt-berüchtigten Silicon Valley, aus dem Firmen wie Google, Apple oder Facebook hervorgingen. Statt „Love“ heiße das neue Zauberwort aus Kalifornien nun „disrupt“ – Unterbrechen. „In jedem dritten Satz kommt im Valley das Wort „disrupt“ vor. Dieses Wort ist ein Schlachtruf“, so Keese. Gemeint ist damit das Hervorbringen von digitalen Innovationen, die bestehende Produkte oder Geschäftsmodelle, welche sich nicht schnell genug dem digitalen Zeitalter anpassen, vom Markt verdrängen. Auch die Lebensmittelwirtschaft wird durch diese zunehmende Digitalisierung vor große Herausforderungen gestellt werden. Selbstfahrende Autos, Lieferdrohnen und weitere technische Entwicklungen würden nicht nur die Prozesskette von Lebensmitteln verändern – viele Produkte würden aufgrund von Algorithmen schlicht aufhören zu existieren. Intelligente Kühlschränke oder Zahnbürsten könnten – so Keese – vollkommen autonom Milch oder Zahnpasta nachbestellen. Hiervon würden jedoch nur jene Unternehmen profitieren, die bereit sind, für das Anzeigen ihrer Produkte zu bezahlen. Firmen wie Google, Apple oder Facebook, also jene, die die Technik bereitstellen, sind die Profiteure. Wer nicht mitspiele, der werde etwa bei der Google-Suche einfach nicht mehr berücksichtigt. Diese würde den Wettbewerb komplett verändern und auf lange Sicht zu Monopolen führen. Transparenz und Vertrauen würden also gerade im Internet immer wichtiger. „Beim Thema Transparenz muss die gesamte Prozesskette im Auge behalten werden.“ In der anschließenden Fishbowl-Diskussion wurden von den Referenten weitere Aspekte des Themas Transparenz beleuchtet. Dabei hatten Gäste aus dem Publikum Gelegenheit auf der Bühne mitzudiskutieren und auch Fragen aus den Online-Kanälen wurden beantwortet. Diskutiert wurde, was Transparenz eigentlich sei und für wen sie hilfreich sei. Stephan Becker-Sonnenschein machte deutlich, dass vor allem kritische Konsumenten die Entwicklung hinsichtlich der Transparenz bereichern und voran treiben – und nicht etwa die desinteressierten oder gleichgültigen Verbraucher, wie ein Gast vermutete.

Stephan Becker-Sonnenschein zeigte sich erfreut über den Verlauf der Veranstaltung. Man müsse sich aber bewusst werden, ob „man über das Klein-Klein, oder über das große Ganze reden wolle.“ Denn gerade beim Thema Transparenz müsse die gesamte Prozesskette im Auge behalten werden. Dr. Birgit Rehlender verwies in der Diskussion auf die Aufgabenteilung der einzelnen Akteure beim Thema Transparenz. Gerade Institutionen wie die Stiftung Warentest hätten dabei eine besondere Verantwortung. Prof. Dr. Achim Spiller verwies erneut auf das Spannungsfeld zwischen Transparenzwunsch und der Bereitschaft für Transparenz auch mehr zu bezahlen. Gerade in Deutschland seien Lebensmittel ein emotionales Thema und die Diskussion um Preissenkungen von Lebensmitteln virulent. Für Christoph Keese bietet das Internet eine große Chance, für mehr Transparenz zu sorgen: „Vertrauen und Verantwortung: Da findet das Internet eine große Chance.“ konstatierte er.

Insgesamt zeigte das zweite Symposium, dass Transparenz in der Lebensmittelbranche ein sehr emotionales und wichtiges Thema ist. Gleichwohl wird die Vorstellung darüber was Transparenz eigentlich bedeutet, höchst unterschiedlich interpretiert. Das Symposium und die vorliegende Studie haben einen ersten Beitrag dazu geleistet, dieses weite Feld zu erfassen und besser zu verstehen.

Die diskursiven Reaktionen im Web unter #LMWVielfalt sowie die Reaktionen auf die Thesen-Sammlung seit Mitte Oktober sind durchweg als positiv zu bewerten. 355 Tweets und Postings kamen dabei zusammen, vor allem via Twitter, aber auch bei Facebook und Instagram.

Im Presse-Download Bereich finden Sie einen Bewertungsbogen zur Veranstaltung – Wir freuen uns auf Ihr Feedback.