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Studie: Essbare Innovationen

Von links: Dr. Mark Bücking, Fraunhofer-Allianz FCM, Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT, Meiert J. Grootes, CEO Veripan AG Foto: Oliver Elsner

Omas Apfelkuchen oder Nudeln aus dem 3D-Drucker: Tradition oder Innovation? Was möchte der Verbraucher auf dem Teller haben, was versteht er unter „Innovationen“ und wie werden diese von Unternehmen kommuniziert? Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz stellte DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT zusammen mit der Fraunhofer-Allianz Food Chain Management (FCM) die Ergebnisse der repräsentativen Verbraucher-Studie „Essbare Innovationen“ vor. Dr. Mark Bücking, Geschäftsführer FCM, Innovationsexperte Meiert J. Grootes, CEO Veripan AG, und Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer DIE LEBENSMITTELWIRTSCHAFT präsentierten die Studie und diskutierten die Ergebnisse. Rund 20 Journalisten und Verbandsvertreter waren gekommen. Zu Beginn der Pressekonferenz gab es einen kleinen Film mit Kurzinterviews zur Frage: Was verstehen Sie unter Innovationen?

Ein Viertel der Verbaucher interessiert und befürwortet das Thema Innovation im Lebensmittelbereich. Allerdings finden nur wenige auf die Frage „Was ist eine Innovation?“ eine eindeutige Antwort. Zwei Drittel können keine positive oder negative Innovation benennen. „Das kann man als klaren Auftrag an die Wissenschaft und die Wirtschaft verstehen, Innovationen besser zu kommunizieren“, erklärte Dr. Bücking von der Fraunhofer-Allianz FCM. Weiterhin besteht Verwirrung darüber, was eine Innovation überhaupt ist. „Die Verbraucher verbinden mit dem Begriff „Innovation“ alle guten und schlechten Neuigkeiten in Zusammenhang mit Technik und Lebensmittelproduktion“, erklärte Dr. Bücking von der Fraunhofer-Allianz FCM. „Die Biokiste und die Küchenmaschine gehören für sie ebenso zu den Innovation wie die Massentierhaltung“. Eine scharf umrissene Definition des Begriffs „Innovation“ gebe es beim Verbraucher nicht. Es gebe aber auch keine generelle Innovationsfeindlichkeit. 64 Prozent der Befragten meinen, dass technologische Innovationen notwendig sind, um die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln sicher zu stellen. Die Verbraucher interessieren sich am meisten für Innovationen im Bereich „Gesundheit und gesunde Ernährung“ (63 Prozent). „IT und Telekommunikation“ liegen an zweiter Stelle (53 Prozent).

Stephan Becker-Sonnenschein betonte insbesondere drei Ergebnisse, die für die Lebensmittelwirtschaft interessant sind:

1. Nutzen und soziale Kommunikation: Innovationen werden derzeit vorwiegend nur als technologische Innovationen verstanden. Sie sollen die Wettbewerbsfähigkeit in der globalen Wirtschaft sichern, Arbeitsplätze erhalten und Umsätze beibehalten oder steigern. Innovationen werden als Einzel-Verantwortung-Produkte der Unternehmen betrachten. „Unsere Studie zeigt: Mit dieser technisch geprägten Sichtweise springen wir zu kurz“, erklärte Becker-Sonnenschein. Innovationen müssen einen Nutzen, z.B. persönlich oder gesellschaftlich haben, um von den Verbrauchern akzeptiert zu werden. Sie brauchen eine soziale Dimension. Das muss auch in der Kommunikation mitbedacht werden. „Unternehmen müssen „sozial“ kommunizieren. Nicht nur produktbezogen.“

2. Lecker oder nicht: In Deutschland wird beim Thema Lebensmittel hauptsächlich über Preis und Sicherheit gesprochen. Wie die WHO-Diskussion über rotes und verarbeitetes Fleisch zeigt, kann Sicherheit erschüttert werden. Preise sind labil, weil Marktbedingungen unterworfen. Dem Verbraucher geht es aber eindeutig um Geschmack: Um lecker oder nicht lecker. 80 Prozent sagen: Ich esse, was mir schmeckt. Und fast 50 Prozent ist der Geschmack wichtiger als die Inhaltsstoffe. „Wenn wir also die Wertschätzung für Lebensmittel weiter erhöhen wollen, sollten wir über Genusskommunikation nachdenken“, empfiehlt Becker-Sonnenschein. „Und damit Lebensgefühl vermitteln statt Preise.“

3. Mehr Einbindung: Eine relativ große Anzahl von Menschen, nämlich 73 Prozent wünschen sich, mehr in die technischen Innovationen eingebunden zu werden. Dies korrespondiere mit dem Wunsch von jeweils 20 Prozent der Verbraucher, Forschungseinrichtungen persönlich besuchen zu können oder einen Bauernhof, oder eben ein Unternehmen (18 Prozent). „Kundeneinbindung ist die Achillesverse der deutschen Mentalität“, so Becker-Sonnenschein. Hierin liege aber eine große Chance. „Wir sollten uns stärker vernetzen, digitale Cluster bilden und sogenanntes „Knowledge Sharing“ betreiben. Damit können wir das Thema Innovation und den Standort Deutschland vorantreiben.“

Innovationsexperte Meiert J. Grootes, CEO Veripan AG und frisch angereist aus den USA, gab einen lebendigen Einblick in die Innovationsschmiede Silicon Valley und zeigte wie eine Einbindung und Vernetzung funktionieren kann. „Die Deutschen sind sehr perfektionistisch. Bevor ein Produkt auf den Markt kommt, müssen alle Fehler behoben sein“, so Grootes. „In den USA sind sie viel schneller, machen Fehler, beheben diese aber auch schnell.“ Im Silicon Valley gebe es hunderte Netzwerke, Universitäten und Unternehmen arbeiten zusammen, es werde viel kommuniziert und viel Geld investiert. „Alle sind sich einige: wir wollen die Welt verändern. Dagegen ist die Lebensmittelwirtschaft hier in Deutschland ein digitaler Dinosaurier, der plötzlich erschrickt, und sich fragt, wie sich alles so schnell ändern konnte.“

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