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Aufgetischt – „Gehört Bio-Produkten die Zukunft?“ von Michael Miersch

Novo Argumente
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Bioprodukte haben einen hervorragenden Ruf. Gekauft werden sie aber nur wenig. Und warum sollte man auch?
Kommentar von Michael Miersch

Bremen will mehr Bio-Fleisch in Kantinen anbieten. Bioprodukte haben einen hervorragenden Ruf. Gekauft werden sie aber nur wenig. Und warum sollte man auch? Kommentar von Michael Miersch, Autor von Novo-Argumente. Der folgende Artikel ist im Sonderheft Novo+ „Verbraucherthemen im Visier“ erschienen. Das Heft kann hier bezogen werden. Aufgetischt! Und nicht nach Jedermanns Geschmack“: Unsere Kommentar-Reihe rund um das Thema „Lebensmittel“ liefert Argumente und bietet Denkanstöße. Jede Woche Mittwoch servieren wir Ihnen ein neues Thema – meinungsstark und zugespitzt.

Die Botschaft der Biobranche an den Verbraucher ist immer die gleiche: Besser für die Umwelt! Besser für die Gesundheit! Besser zu den Tieren! Kommt diese Botschaft an? Einerseits ja: Bioprodukte haben ein ausgezeichnetes Image. Andererseits nein: Trotz reichlicher Subventionen und massiver Unterstützung durch viele populäre Medien kommen bisher nicht über einen geringen Marktanteil hinaus.

Wenngleich man in den Trendvierteln der deutschen Groß- und Universitätsstädte sowie aus den Medien einen anderen Eindruck gewinnt, sind Bio-Erzeugnisse immer noch Nischenprodukte. Die Nachfrage bleibt weit hinter den einstigen Erwartungen zurück, obwohl selbst die Discounter Bio führen.

2001 hatte die damalige Verbraucherministerin Renate Künast die „Agrarwende“ ausgerufen und mit der Notwendigkeit eines „vorsorgenden Verbraucherschutzes“ begründet. Innerhalb von zehn Jahren sollte der Anteil der Bio-Landwirtschaft auf 20 Prozent gesteigert werden. Daraus ist nichts geworden. Heute werden 6,4 Prozent der Agrarfläche nach den Richtlinien der Bio-Verbände bewirtschaftet. Und der Anteil von Bio am Gesamtumsatz von Lebensmitteln liegt bei gerade einmal 4,4 Prozent.

Dabei finden eigentlich alle Bio gut. „Viele Verbraucher«“, so schrieb die taz schon im Jahr 2007, „wissen nicht, was ‚Bio‘ eigentlich konkret bedeutet – aber sie finden es gut.“ Laut einer Umfrage von Ernst & Young glauben 81,9 Prozent, „Bio“ sei gesünder, 60 Prozent, es sei besser für die Umwelt, und 69,9 Prozent meinen, Biolandwirtschaft sei „humaner“ zu den Tieren.

Doch was bedeutet die Bezeichnung „Bio“ wirklich? Der wichtigste Unterschied zur modernen Landwirtschaft besteht darin, dass Biobetriebe auf Kunstdünger und bestimmte Pflanzenschutzmittel verzichten. Biobauern nützen Stallmist, Kompost und ausgeklügelte Fruchtfolgen, um die Fruchtbarkeit des Bodens zu erhalten. Gegen Schädlinge und Unkräuter setzen sie zwar ebenfalls Giftstoffe ein, allerdings nur solche, die nicht synthetisch (also in chemischen Fabriken) erzeugt wurden. Bei den Anhängern Rudolf Steiners (Demeter-Produkte) kommen noch esoterische Rituale hinzu, die dem Boden, den Pflanzen und Tieren spirituelle Kräfte zuführen sollen.

Wie im Biolandbau konkret gearbeitet wird, welche Methoden angewendet, welche Stoffe eingesetzt werden, interessiert die meisten Verbraucher nicht so genau. Sie möchten auf etwas Gutes und Reines vertrauen. Doch die Vermutung, dass „Bio“ gesünder sei, ist unbewiesen. Und das, obwohl Anhänger verschiedener Biorichtungen und unabhängige Forscher seit fast 100 Jahren versuchen, endlich den Beweis zu erbringen. Bis heute vergeblich. Der gute Ruf ist Gefühlssache ohne Faktenbasis. Die Menschen glauben es gerne, weil es ihnen eine bequeme Möglichkeit bietet, beim Einkaufen vermeintlich Gutes zu tun.

Wenn „Bio“ nicht gesünder ist, ist es wenigstens besser für die Umwelt? Einzelne Biobauern engagieren sich oftmals vorbildlich für den Naturschutz. Sie bewahren Randstreifen mit Wildpflanzen, pflanzen Hecken und Bäume. Das ist löblich. Doch grundsätzlich besitzt der Biolandbau einen gewaltigen ökologischen Nachteil. Da die Ernten geringer ausfallen, benötigt diese Form der Landwirtschaft mindestens doppelt so viel Fläche, um die gleiche Menge Getreide zu produzieren.

Angenommen, alle Bauern der Welt würden auf „Bio“ umstellen, wäre dies das Ende der Wälder, der Steppen, der Feuchtgebiete und der dort lebenden Wildtiere. Mehr Agrarfläche bedeutet weniger Natur. Diesem Argument widersprechen Anhänger des Biolandbaus mit dem Hinweis, die Menschheit könne auch vegetarisch leben. Dann müsste zwar kein Viehfutter mehr angebaut werden. Doch auch in einer vegetarischen Welt würden weiterhin Nutztiere gebraucht, um den Dünger für den Bio-Ackerbau zu liefern, da Kunstdünger ja verboten ist. Der Vater der Grünen Revolution und Friedensnobelpreisträger Norman Borlaug errechnete, dass über fünf Milliarden Rinder notwendig wären, um den für den Getreideanbau notwendigen Stickstoff auf biologischem Wege zu erzeugen (derzeit umfasst die globale Rinderherde 1,3 Milliarden).

Der technische Fortschritt in der Landwirtschaft hat die Welt mindestens ebenso heftig verändert wie das Auto oder der Computer. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieben einem Bauern kaum Überschüsse, nachdem er seine eigene Familie satt bekommen hatte. Heute kann ein einziger Landwirt Nahrung für Hunderte Menschen erzeugen. Die Lebensmittelpreise sanken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in einem nie dagewesenen Ausmaß. Die Deutschen geben mittlerweile mehr Geld für ihren Urlaub aus als fürs Essen.

Nutznießer dieser Produktivitätssteigerung waren in erster Linie die Konsumenten. Doch auch die Bauern selbst, zumindest die, die den Strukturwandel meisterten und dank besserer Maschinen immer weniger zu harter körperlicher Arbeit gezwungen sind. Doch obwohl der Beruf des Landwirtes heute so viel angenehmer geworden ist als zu Opas Zeiten, fehlt der Nachwuchs. Ein Großteil der Höfe in Deutschland findet keinen Nachfolger. Diese Tatsache wird zu einem weiteren Strukturwandel führen, hin zu größeren, technisierteren, arbeitsteiligen Betrieben. Es ist nicht absehbar, wo die vielen Arbeitskräfte für mehr Bio-Landwirtschaft herkommen sollen.